Sonntag, 10. Dezember 2017

Die Aktualität der Botschaft von Fatima - 75 Jahre danach


Plinio Corrêa de Oliveira
Die Botschaft von Fatima erweist sich — nach dreiviertel Jahrhundert der berühmten Erscheinungen Unserer Lieben Frau in Portugal im Jahre 1917 — in unseren Tagen dermaßen aktuell, dass sie erst vor kurzem (27. September 1991) Gegenstand umfangreicher Darstellung auf der ersten Seite von „The Wall Street Journal“ war, einer der meistverkauften Zeitungen der Welt.
Beeindruckende Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse, die das Jahrhundert markierten
Was gab der Botschaft von Fatima diese erstaunliche Vitalität? Es ist die Tatsache, dass sie eine Nation betrifft, die heute einen zentralen Platz in der weltweiten politischen Szene einnimmt, nämlich Russland.
Bemerkenswert ist zunächst das gleichzeitige Auftreten der beiden Ereignisse — die Botschaft von Fatima und die russische Revolution —, die im gleichen Jahr 1917 stattgefunden haben: Der Kommunismus ergriff die Macht in Russland genau 25 Tage nach der letzten Erscheinung der Muttergottes in Fatima. Die Botschaft an die drei Seherkinder — die Hirten Lucia, Francisco und Jacinta —, die bis 1942 geheim gehalten wurde, wiesen auf die „Irrtümer Russlands“ hin, als den zentralen Punkt schwerster Unruhen, die tatsächlich die ganze Welt während des größten Teils dieses Jahrhunderts erschüttert haben. Außerdem wurde in derselben Botschaft die Bekehrung dieser Nation vorhergesehen...
Unter diesen Umständen konnte der spektakuläre Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs am 9. November 1989 mit den politischen Umwälzungen, die in den Ländern Osteuropas vorangingen und folgten, nur mit dem verbunden werden, was in Fatima vorausgesagt wurde. Waren solche Ereignisse nicht Zeichen dafür, dass die Gottesmutter ihre Verheißungen erfüllt hat?
Der oben genannte Artikel in „The Wall Street Journal“ konzentriert sich genau auf dieses Thema.
Es ist nicht möglich, in den engen Grenzen eines Gedenkartikels diesen grundlegenden Punkt der aktuellen internationalen politischen Situation erschöpfend zu behandeln. Es muss jedoch wenigstens zusammenfassend getan werden, da ein so bedeutsames Datum gefeiert wird, wie das des 75jährigen der vielleicht berühmtesten Marienerscheinung der ganzen Geschichte der Kirche.
Scharfer Tadel an die Welt, Strafandrohung, Friedensversprechen
Was schöpft ein durchschnittlicher Leser aus dieser Botschaft, wenn er ihr eine angemessene ernsthafte Aufmerksamkeit widmet?
Unter solchen Umständen behält ein Leser von der Botschaft die höchst schwerwiegende Tatsache, dass die Mutter Gottes die Welt wegen bestimmter Sünden ernsthaft tadelt und sie mit bestimmten Strafen droht, wenn ihre Forderungen nicht beachtet werden. Der bedingte Charakter der Versprechen von Fatima ist somit perfekt dargestellt. Das heißt, die Muttergottes lässt einen Weg offen, damit die Menschheit der bevorstehenden Strafe entkommen kann durch die Änderung des Lebens.
In diesem Sinne muss auch auf den Sühnecharakter der von der Muttergottes gestellten Bitten hingewiesen werden: die Durchführung der 5 Sühnesamstage (die ersten Samstage in fünf aufeinanderfolgenden Monaten) und die Weihe Russlands an das Unbefleckte Herz Mariens. Wenn solche Forderungen erfüllt würden, würde Russland sich bekehren, seine Irrlehren aufgeben und somit würde der fundamentale Faktor der Störung der Welt aufhören. Auf der Welt würde der Frieden herrschen: der Friede Christi im Reich Mariens.
Die moralische Krise im Westen verschärft sich zusehends
Frage: Die Schuld, die Sünden, haben sie aufgehört? Wurde Sühne geleistet? Wurde die Weihe Russlands in den von der Muttergottes festgelegten Bedingungen vollzogen?
Antwort: Um zunächst das Offensichtlichste zu betrachten, muss man feststellen, dass die moralische Krise im Westen von 1917 bis heute sich nur verschärft hat: Die Moden sind schlimmer geworden, der Nudismus hat sich zunehmend verbreitet; die erstaunliche Instabilität der Ehe; die Prostitutionshäuser, die sich schamlos sogar mit leuchtender Reklame an leicht zugänglichen Orten etablieren; die Akzeptanz der Homosexualität als normale Tatsache; die Zahl von Abfällen im Klerus und in den Reihen religiöser Orden beider Geschlechter aus Gründen, die viel zu tun haben mit der Unbeliebtheit des Keuschheitsgelübdes; die Koedukation von Jungen und Mädchen; die Sexualerziehung in den Schulen; alle Kunstgriffe für die Herunterdrückung der Geburtenrate. Dies alles sind Symptome eines fortschreitenden Zerfalls, der immer breitere Teile der Gesellschaften des Westens angreift.
Die gottlose Sekte des Kommunismus strebte den Aufbau einer Gesellschaft ohne Gott
Was die von der atheistischen Sekte des Kommunismus beherrschten Länder des Ostens betrifft, so wurde in ihnen eine Gesellschaft errichtet, in der die Idee von Gott völlig verbannt wurde. Von der Spitze des Staates bis zu den kleinsten Details des Lebens eines jeden Individuums wurde alles auf das Gegenteil ausgerichtet, was das in Gottes Zehn Geboten kodifizierte Naturgesetz postuliert. Die kommunistische Gesetzgebung schaffte das Privateigentum ab, führte die vollständigste Gleichheit ein und löschte praktisch die Familie aus. Die Ehe wurde zu einer bloßen Einschreibung in ein öffentliches Register, die durch unbedeutende rechtliche Formalitäten durch die Partner, die sich zufälligerweise verbunden haben, beliebig gelöscht werden kann.
Die Sittenreform, die große Vergessene
Unter den vielen Reformen, von denen die Welt sowohl im Westen als auch im Osten als notwendig erachtet, spricht niemand für die Lösung dessen, was die Muttergottes am meisten beleidigt, das heißt, die Reform der Sitten und der Moral, sowohl im Privaten wie Öffentlichen Leben, für die Wiederherstellung der Institution Familie, die Erstarkung der Unauflöslichkeit und Heiligkeit der Ehe, die Autorität der Eltern über ihre Kinder, die Entziehung der Kinder von der missbräuchlichen Einmischung des Staates, der offiziell zumindest laizistisch ist, wenn nicht sogar atheistisch usw. usw.
Den Bitten der Muttergottes wurden in einem grundsätzlichen Punkt nicht nachgekommen
Daher, ohne auch nur auf die umstrittene Frage einzugehen, ob die aufeinanderfolgenden Weihen der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens durch die Päpste die von Unserer Lieben Frau für die Bekehrung Russlands (eine Nation, die in der Formel der Weihe besonders zu nennen wäre) festgelegten Bedingungen erfüllten, ist jede Behauptung, dass sich die Verheißungen von Fatima auf dem Weg der Erfüllung sind, würde eine größere Umsicht erfordern, da es seitens der Menschen in einem grundlegenden Punkt, der die Änderung des Lebens betrifft, kein Nachkommen den Bitten der Muttergottes gab.
Perestroika, von der Hoffnung zu den Dornen
Dennoch ist es eine Tatsache, dass das Versprechen Gorbatschows in Russland die Perestroika einzuführen, innerhalb und außerhalb dieses Landes vielleicht eines der größten geopolitischen Erdbeben der Geschichte hervorbrachte. Nationen, die unter dem eisernen Handschuh des sowjetischen Kommunismus gehalten wurden, die keine Hoffnung auf Befreiung sahen, schüttelten plötzlich dieses Joch ab und nahmen ihr Schicksal in eigene Hände. Deutschland zerrissen von oben bis unten, hat sich vereint. Wie kann man diese ermutigenden Veränderungen nicht mit hoffnungsvoller Stimmung sehen?
Aber nach den ersten Momenten des Optimismus begann der Blick der realistischen Beobachter Dornen auf den Rosensträuchern zu erkennen. Siebzig Jahre Kommunismus in Russland und etwa ein halbes Jahrhundert in den Satelliten- oder annektierten Nationen haben Verwüstungen in Institutionen und eine Apathie in der Bevölkerung hervorgebracht, die keine Anzeichen einer schnellen Erholung zeigen. Im Gegenteil, Analytiker und die Weltmedien haben sich zunehmend auf das sehr ernsthafte Problem der Migration — manche sprechen von einigen Millionen — von Hungernden aus diesen Ländern konzentriert, die sich auf der Suche nach Überlebensbedingungen im Westen machen. Die Völker der westlichen Nationen runzeln die Stirn angesichts dieser neuen „Völkerwanderung“, die, wenn sie die vorhergesagten Ausmaße erreicht, wiederum unvorstellbare Zerstörungen hervorbringen wird. Neben der wirtschaftlichen Entbehrung wird die Einwanderung so unterschiedlicher ethnischer Gruppen dazu führen, dass diese Nationen ihre Identität verlieren. Der Westen, der sich der Lehrpredigt des Kommunismus eher schlecht als recht widersetzte, würde also durch eine scheinbar a-ideologische Operation erschüttert werden!
An dieser Stelle stellt sich eine Frage, unvermeidbar. Als Gorbatschow den Sturz des eisernen Vorhangs beschlossen hatte, war es nicht genau dieser Effekt, den er in Sicht hatte? Es ist verständlich, dass viele Europäer anfangen sich nach dem eisernen Vorhang sehnen, der bisher als eine Mauer des Schreckens angesehen wurde und sich jetzt als eine eher schützende Barriere erwiesen hat...
Rückzug oder Metamorphose des Kommunismus?
Feinsichtige Geister schauten immer mit Argwohn auf die Perestroika, weil sie fürchteten, in ihrem Kern sei ein mieses Spiel des Kommunismus enthalten. Die öffentliche Meinung im Westen erkennt heute langsam, dass die eigentlichen Ziele der Perestroika in der Tat unklar waren. Vielleicht ist der Tag nicht fern, an dem die verschrobene Authentizität des Rückzugs des Kommunismus enthüllt, dass es nichts anderes war als eine Metamorphose, und aus der zersetzten Larve der „schöne“ Schmetterling der Selbstverwaltung herausfliegt ... Eine Selbstverwaltung, die alle Theoretiker und die hohen Führer des Kommunismus, von Marx und Engels bis Gorbatschow, immer als die letzte und vollendete Version des Kommunismus dargestellt haben, als die Quintessenz des Kommunismus. In der Präambel der sowjetischen Verfassung war dies mit allen Buchstaben angegeben. Der angeblich gestürzte Kommunismus hätte sich somit über die ganze Welt ausgebreitet.
Ja, hier bestätigen sich die Prophezeiungen von Fatima mit der Warnung: Wenn die Menschen sich nicht ändern, wird Russland seine Irrtümer über die ganze Welt verbreiten!
Klarheit, Wachsamkeit und Mut
Es ist daher wichtig, die Botschaft von Fatima auf authentische Weise zu interpretieren, damit die Menschen klar, wachsam und mutig bleiben, angesichts außergewöhnlicher Ereignisse, die kommen können und die Menschheit in Verblüffung und Bedrängnis versetzen werden.
Für diejenigen, die Glauben haben, werden die Worte der Muttergottes in Fatima immer in ihren Ohren widerhallen: „Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren.“

“Diário las Américas”, Miami, 14. Mai 1992 (Tageszeitung der Exil-Kubaner in Miami)

Dienstag, 5. Dezember 2017

An die Inhaber von Geschäftshäusern in São Paulo



São Paulo, den 5. Dezember 1940

Sehr geehrter Herr,

Da sich die Weihnachts- und Neujahrsfeiertage nähern, bereiten sich alle kommerziellen Einrichtungen der Stadt darauf vor, ihre Geschäfte und Einrichtungen zu erweitern und die Auslagen in ihren Schaufenstern zu verschönern, um die große Zahl von Käufern anzusprechen, die zum Fest des Christkindes, die häusliche Umgebung mit der Fülle, der Freude und jener Gelassenheit versehen wollen, die glücklichen Familientreffen eigen sind.
Unter den Familien, die einige Stunden gelassener Zufriedenheit zu Füßen des Heilandes verbringen möchten, gehört sicherlich auch Ihre Familie. Für alle bringt das Leben nebst echten Freuden auch nicht zu verkennende Unannehmlichkeiten. Es gibt keine Familie, die sich um den Weihnachtsbaum oder an der Krippe versammelt, um an die Ereignisse des verflossenen Jahres sich zu erinnern, nicht nur echte Freudenzeiten, aber auch Zeiten des Leidens aufzählen könnte. Und es gibt auch keine Familie, die nicht daran denkt, dem Jesuskind für die empfangenen Gefälligkeiten zu danken und für 1941 um die Bewahrung der erhaltenen Gnaden und um die Linderung der Schmerzen und der eingetretenen Rückschläge zu bitten.
Wie viel Hoffnung leuchtet nicht mit lebendigerem Schein im Gedenken an diesen gnädigen und barmherzigen Heiland, der in die Welt gekommen ist, um die Menschen zu erlösen! Wie viele Tränen werden nicht durch die Überzeugung gemildert, dass ein guter Gott, der alle Ereignisse regiert, der aus dem Bösen das Gute zu nehmen weiß und die vom menschlichen Leben untrennbare Leiden in irdische oder ewige Freuden verwandeln vermag!
All dies empfangen Sie von Gott oder Sie erwarten es von Ihm.
Aber ... was machen Sie für Gott?
Die heilige Weihenacht nähert sich. Jeder bereitet sich auf das große Fest der Christenheit vor. Welchen Beitrag werden Sie zu diesem Fest leisten? Werden Sie Ihren Angestellten erlauben, Schaufensterauslagen für die vielen Passanten zu gestalten, in der keine einzige die Vorstellung von Gott vermittelt? Werden Sie erlauben — unter dem Vorwand leichteren Umsatz zu machen als zulässig —, dass in den Auslagen Modelle und Gegenstände gezeigt werden, die eher eine Ablehnung aller Prinzipien bedeutet, die das Weihnachtsfest für heiligt hält?
Warum, anstatt Ihre Schaufensterdekoration nur mit Gegenständen zu gestalten, die nichts mit Weihnachten zu tun haben, und nur den Wunsch mehr zu verkaufen äußern, organisieren Sie nicht, neben den Schaufenstern, die zulässige Artikel zeigen, auch eine Vitrine mit einer schönen Krippe, oder irgendeiner Vorrichtung, die an die heilige Weihnacht erinnert? Warum nicht in Ihrem eigenen Geschäftshaus, das ja der Ort Ihrer Arbeit ist, das Feld eines großen Kampfes, das Mittel Ihre Familie zu unterstützen, dem, der den Menschen den höchsten Beweis seiner Liebe gab, indem Er Mensch geworden ist, eine besondre Ehre zu erweisen?

Geben Sie Gott diesen Ehrerweis: Entfernen Sie alle Gegenstände oder Artikel, die gegen die christlichen Prinzipien verstoßen aus Ihren Schaufenstern und richten in eines von ihnen eine schöne Huldigung an das menschgewordene Gotteskind ein.
Es wird vor allem und über alles ein Erweis der Anbetung Gottes sein. Aber es wird auch für Sie, für Ihre Familie, für Ihre Arbeit und Ihr Geschäft ein Segen sein, der in dieser Welt Früchte tragen wird für die Ewigkeit.
Brasilianische Katholische Aktion
Der Vorstand der Erzbischöflichen Rats von São Paulo



Anmerkung der Red.: Dieser Brief stammt aus der Zeit, in der Prof. Plinio Corrêa de Oliveira Präsident des Erzbischöflichen Rats der Katholischen Aktion von São Paulo war. Vgl. Minha vida pública, Parte V, Cap. I, item 3.

Montag, 4. Dezember 2017

Hl. Amadeus IX., Herzog von Savoyen


 

Über ihn schreibt Engelbert in „Das Leben der Heiligen“:
Amadeus IX., Herzog von Savoyen, wurde 1435 in Toulon geboren und folgte seinem Vater in der Regierung. Er heiratete Yolande, die Schwester von König Ludwig XI. von Frankreich und hatte sieben Kinder.
In den Jahren seiner Herrschaft auf dem piemontesischen Thron von Savoyen erlitt er ständig epileptische Anfälle und musste die Macht mit der Herzogin, seiner Frau, teilen.
Amadeus, obwohl er immer gemäß seinem hohen Rang lebte, versuchte nie, seine Untertanen auszubeuten oder willkürlich in den Krieg zu ziehen. Doch Freigeister, Erpresser und Lästerer waren ständig seiner Strenge ausgesetzt. Seinem Beispiel folgend, verhängte der Herzog von Mailand, Franz Sforza, Geldstrafen gegen die fluchenden Höflinge und baute mit den so gesammelten Bußgeldern eine Kapelle, die er Prachtvoll ausschmücken konnte.
Als er die extreme Güte beobachtete, die Amadeus den Armen erwies, sagte derselbe Prinz einmal zu ihm: „Wenn du durch deine Staaten gehst, wirst du wohl das Gefühl haben, mit Antipoden zu leben. Überall ist es besser, reich zu sein als arm, aber in deinen Staaten sind es die Armen, die geehrt werden.“
Der Herzog praktizierte immer Gebet und Buße. Denen, die ihn von so strengem Fasten abbringen wollten, antwortete er, nichts sei für seine Gesundheit notwendiger.
In den letzten Lebensjahren haben die Leiden zugenommen. Seiner Frau und ihren Angehörigen, die sehr traurig  waren, ihn am Ende so angeschlagen zu sehen, sagte er: „Warum seid ihr so traurig? Demütigungen öffnen den Weg zum Reich Gottes.“
Er starb in Verchelli im Piemont am Ostermontag, den 3. März 1472, im 38. Lebensjahr. Seine Gebeine ruhen in Turin.
(Er gilt als Vorbild eines christlichen Herrschers und wurde 1677 seliggesprochen. Wikipedia)

Diese Königsgestalt – da wir uns dieser Betrachtung widmen – fügt sich in eine bestimmte Art von König ein, die es früher gab und die genau der Ausbruch der Revolution unmöglich gemacht hatte.(*) Zu einer Zeit, als der revolutionäre Geist noch nicht in die Masse eingedrungen war, konnte die Autorität eine Gütigkeit und eine Freundlichkeit, eine Offenheit zeigen, die es ihr später nicht mehr gegeben war zu üben, und eine Haltung, wie zum Beispiel die von König Philipp II., eines stolzen, beherrschenden, erdrückenden Monarchen, war eine Haltung, die sich mit dem Ausbruch der Revolution für notwendig erwies. Die Könige und Herzöge vor dem Ausbruch der Revolution besaßen eine Väterlichkeit, eine Offenheit und eine Barmherzigkeit, die ganz in Übereinstimmung mit der Idee des christlichen Monarchen vor der Epoche der Revolution war.
Wir sehen einen dieser Typen von Herzog-König in Herzog Amadeus von Savoyen, ein Vater der Armen und des Volkes. Er ist in erster Linie eine Person, die selbst ein armer und ein leidender war. Er war ein epileptischer Mann. Ein Mensch, der eine schlechte Gesundheit hatte; dessen Gesundheit so schlecht war, dass er gezwungen war, seine Machtausübung mit seiner Frau zu teilen. Trotzdem war er energisch. Die Strenge seiner Tätigkeit äußerte sich im Kampf gegen die Veruntreuung öffentlicher Gelder, die Zwischenhändler, und gegen alle, die die Verteuerung des Lebensunterhalts des Volkes unerträglich machten; er war gleichzeitig der wahre Beschützer des Volkes. Ein wahrer Vater seiner Untertanen, denen er im Elend beistand.
Das schaffte ein Umfeld, in dem diese Einstellungen absolut keine revolutionären Keime weckten, sie verstärkten im Gegenteil die Liebe des Volkes zum König, zum Staatsoberhaupt, und auf diese Weise festigten sie eine Familienatmosphäre, die das Staatsoberhaupt in seinem Staat aufbauen konnte.
Daher der unerwartete Kommentar des Herzogs von Mailand, der die Staaten des Herzogs von Savoyen durchquerte, als er erklärte, dass in den Staaten des Herzogs von Savoyen die Situation der Armen noch besser sei als die der Reichen. Es ging nicht darum, die Reichen zu beseitigen, es sollte nicht den Adel beenden, es sollte nicht die soziale Ungleichheit beenden, sondern die Gesellschaft mit einem Lebensumfeld ausstatten, in dem die Armen nicht litten, wo es so wenige arme Leute wie möglich gab usw., damit die Sanftmut und Güte unseres Herrn Jesus Christus im ganzen sozialen Körper ausgestrahlt werde.
Hier haben wir also das Profil eines Prinzen, der wirklich außergewöhnlich ist und der uns tiefe Verehrung und tiefe Bewunderung einflößen sollte. Auf der anderen Seite wird hier deutlich betont, dass er seiner Würde gemäß lebte, dass er seine eigene Würde keineswegs demagogisch abwertete, um den Armen zu dienen. Ich meine, er ist ein Mann mit perfekter Balance in diesen Dingen.

Plinio Correa de Oliveira, Vortrag „Heiliger des Tages” am 29. März 1966.

Freie Übersetzung aus dem Portugiesischen. Der Originaltext ist die Abschrift einer Aufzeichnung, wurde vom Urheber nicht revidiert.

(*) Das Wort Revolution wird hier Angewendet im Sinn von der These „Revolution und Gegenrevolution” von Prof Plinio Corrêa de Oliveira. Nach seinen historischen Studien setzt er den Ausbruch des revolutionären Prozesses in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts, mit dem Niedergang des Mittelalters.

Samstag, 2. Dezember 2017

Der befreiende Gehorsam

 Plinio Corrêa de Oliveira
Das Echo der zeitlich sehr entfernten Worte, die  der hl. Remigius sprach, als er Chlodwig, den ersten christlichen König taufte, möchte ich, lieber Leser, auffangen und Dir zu Ohren bringen: „Verbrenne, was Du angebet und bete an, was Du verbrannt hast“. Ja, verbrenne den Egoismus, den Zweifel, die Schlaftrunkenheit und angeregt durch die Liebe Gottes, liebe und diene und kämpfe für den Glauben, für die Kirche und die christliche Zivilisation. Opfere Dich auf. Entsage Dir selbst.
Wie? – So wie es in allen Jahrhunderten diejenigen getan haben, die für Jesus Christus den „guten Kampf“ gekämpft haben (2 Tim 4,7)
Und ausgezeichneter wirst Du es vollbringen können, wenn Du die vom hl. Ludwig Maria Grignon von Montfort selbst verfasste und gerechtfertigte Methode anwendest. Es ist die „Sklavenschaft aus Liebe“ zur Heiligsten Jungfrau.
 „Sklavenschaft“ ... Ein grobes und fremdes Wort, vor allem für moderne Ohren, die allzeit gewohnt sind über Unabhängigkeit und Freiheit zu hören und mehr und mehr geneigt sind zur großen Anarchie, die, wie ein Totenkopf mit einer Sichel in der Hand, die Menschen auf der Ausgangsschwelle des 20. Jahrhunderts mit seinem finsteren Lächeln erwartet.
Es gibt aber eine Sklavenschaft, die befreit und eine Freiheit, die versklavt.
Früher sagte man von einem Menschen, der seinen Verpflichtungen nachkam, er sei ein „Sklave seiner Pflichten“ (A.d.Ü.: so die übliche Art in Brasilien. Im Deutschen entsprechend „pflichttreu“). Doch in der Tat war es ein Mensch, der sich auf dem Höhepunkt seiner Freiheit befand. Durch einen ganz persönlichen Akt verstand er, welche ihm zustehende Wege er gehen musste und fasste mit männlicher Entschlossenheit den Vorsatz sie aufzunehmen. Er überwältigte die bösen Leidenschaften, die versuchten ihn zu blenden, seinen Willen zu schwächen um damit seinen frei gewählten Weg zu versperren. Der Mensch, der diesen hohen Sieg erreicht hatte, schreitete mit sicherem Schritt dem entsprechenden Ziel entgegen. Er war frei.
„Sklave“ war im Gegensatz jener, der sich von seinen ungeordneten Leidenschaften mitreißen ließ in eine Richtung, mit der seine Vernunft nicht einverstanden war und auch sein Wille nicht bevorzugte. Diese echten Besiegten nannte man „Lastersklaven“. Weil sie sich dem Laster versklavten, „befreiten“ sie sich vom gesunden Reich der Vernunft.
Diese Begriffe von Freiheit und Sklaventum behandelte Papst Leo XIII. mit seinem eigenartigen meisterhaften Glanz in der Enzyklika „Libertas praestantissimum“.
Heute hat sich alles umgekehrt. Als Muster eines „freien“ Menschen haben wir den Hippie, der mit einer Bombe in der Hand nach seinem Gutdünken den Terror verbreitet. Doch umgekehrt, wird als zaghaft, unfrei derjenige gehalten, der im Gehorsam der Gebote Gottes und der Menschen lebt.
Nach heutiger Perspektive ist derjenige „frei“, dem das Gesetz erlaubt die Drogen zu kaufen, die er will, sie gebraucht wie es ihm gefällt und um letztlich... sich ihnen zu versklaven. Tyrannisch und versklavend aber wird das Gesetz angesehen, das dem Bürger untersagt sich den Drogen zu versklaven.
Versklavung ist auch aus dieser schielenden Perspektive der Umkehrung der Werte, das in vollem Bewusstsein und in voller Freiheit geleistete religiöse Ordensgelübde, nach dem sich der Mönch in den Dienst der höchsten christlichen Idealen stellt, unter Ausschluss jeglicher Rückkehr. Um diese freie Entscheidung gegen die Tyrannei seiner eigenen Schwäche zu schützen, unterwirft sich der Mönch in diesem Akt der Autorität seiner wachenden Oberen. Wer sich so bindet, um sich frei zu halten von seinen schlechten Begierden, setzt sich heute aus, als ein niederträchtiger Sklave bezeichnet zu werden. So als ob der Obere ihm eine Last auflegen würde, die seinen Willen einschränken soll. Im Gegenteil, der Obere dient als Handlauf den höheren Seelen, die frei und unerschrocken anstreben bis zur letzten Stufe die Treppe der höchsten Ideale aufzusteigen, ohne der gefährlichen Höhenangst nachzugeben.
Kurz, für einige ist frei, wer mit benebelter Vernunft und gebrochenem Willen, angetrieben vom Wahnsinn der Sinne, die Fähigkeit hat, auf dem Toboggan der schlechten Sitten wollüstig herunterzugleiten. „Sklave“ ist aber der, der seiner eigenen Vernunft dient, mit der Kraft des Willens die eigenen Begierden besiegt, den göttlichen und menschlichen Gesetzen gehorcht und die Regeln der Ordnung anwendet.
Vor allem ist unter dieser Perspektive ein „Sklave“, derjenige, der sich, um seine Freiheit voll zu garantieren, entscheidet, frei sich Autoritäten zu unterwerfen, die ihn dorthin führen, wohin er ankommen will. So weit führt uns die gegenwärtige von Freudismus durchtränkte Meinung!
Mit einer ganz anderen Perspektive entwarf der hl. Ludwig Grignion von Montfort die „Sklavenschaft aus Liebe“ zur Mutter Gottes. Sie eignet sich für jedes Alter und jeden Lebensstand: Laien, Priester, Ordensleute usw.
Was macht das Wort „Liebe“, das so überraschenderweise an das Wort „Sklaventum“ geknüpft wird, da ja dieses den Gedanken einer brutalen Herrschaft eines Starken über einen Schwachen, des Egoisten über den Armen, den er ausbeutet, hervorruft? „Liebe“ ist, in der Philosophie, der Akt durch welchen der Wille in Freiheit etwas haben will. So werden im gewöhnlichen Sprachgebrauch „wollen“ und „lieben“ im gleichen Sinn benutzt. „Sklaventum aus Liebe“ ist der edelste Höhepunkt des Aktes, durch den jemand sich aus freien Stücken einem Ideal oder einer Sache widmet. Oder auch sich an einen anderen bindet.
Die heilige Zuneigung und die Pflichten des Ehebundes besitzen etwas, was bindet, verbindet und adelt. Im Spanischen nennt man Handschellen „esposas“ (A.d.Ü.: Was auf Portugiesisch „Ehegattin“ bedeutet). Der Vergleich bringt uns zum Lächeln. Den Befürwortern der Ehescheidung mag er schaudern lassen, denn er gibt einen Hinweis auf die Unauflöslichkeit der Ehe. Im Portugiesischen sprechen wir vom „Band“ oder eher wörtlich von den „Ketten“ der Ehe.
Viel bindender als der Stand der Ehe ist jedoch der des Priesters, und in einem gewissen Sinn noch mehr ist es der Stand der Ordensperson. Je höher der frei gewählte Stand, desto stärker ist das Band und echter die Freiheit.
So empfiehlt der hl. Ludwig Grignion, der Gläubige solle sich freiwillig als „Sklave der Liebe“ der Heiligen Jungfrau weihen, indem er ihr in der Eigenschaft eines Sklaven seinen Leib und seine Seele, seine inneren und äußeren Güter und selbst den Wert aller seiner vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen guten Handlungen weiht, und Ihr alles Recht und volle Gewalt überlässt über sich und all sein Eigentum ohne Ausnahme nach Ihrem Wohlgefallen, zur größeren Ehre Gottes in der Zeit und in der Ewigkeit (vgl. „Weihegebet zur vollkommenen Hingabe an Jesus durch Maria“). Maria, als erhabene Mutter, erwirkt im Tausch für ihre „Liebessklaven“ die Gnaden Gottes, die ihren Verstand erhöht zum klaren Verständnis der höchsten Glaubenssätze, die ihren Willen engelhafte Kraft verleiht um sich frei von jeglichem Ballast in die Höhen dieser Ideale aufzuschwingen und alle inneren und äußeren Hindernisse besiegen, die sich ihnen entgegenstellen.
Doch könnte jemand fragen, wie kann ein Mönch diese durchscheinende und engelhafte Freiheit üben, da er ja durch sein Gelübde der Autorität eines Oberen unterworfen ist?
Nichts einfacher als dies. Mönch ist man durch einen Ruf Gottes („Berufung“). Es ist also Gottes Wille, dass ein Ordensmann seinen Oberen gehorcht. Der Wille Gottes ist der Wille Mariens. Wann immer also der Ordensmann sich Maria geweiht hat als ihren „Sklaven aus Liebe“, gehorcht er als Mariensklave seinem Oberen. Die Stimme des Oberen ist für ihn auf Erden, sozusagen die Stimme der Muttergottes selbst.
Der hl. Ludwig Grignion ruft alle Menschen dermaßen vorsichtig auf zu diesen Gipfeln des „Liebssklaventums“, sodass dieses viel Raum lässt für wichtige Nuancen. Sein „Sklaventum aus Liebe“, das von so großer Bedeutung ist für Menschen, die sich durch Gelübde an einen Religionsorden gebunden haben, kann gleichsam von Weltpriestern und Laien praktiziert werden. Denn im Gegensatz zu den Ordensgelübden, die für eine gewisse Zeit oder für das ganze Leben verpflichtend sind, kann der „Sklave aus Liebe“ zu jeder Zeit diesen erhabenen Zustand verlassen, ohne damit eine Sünde zu begehen. Während der Ungehorsam einer Ordensperson gegenüber der Ordensregel sündhaft ist, begeht der Laie „Sklave“ keine Sünde, wenn er der edelmütigen Hingabe widerspricht.
So verbleibt also der Laie in der Eigenschaft eines „Sklaven“ durch einen freien Akt, den er implizit oder explizit täglich, oder besser, jeden Moment wiederholt.
Für alle Gläubigen ist also das „Sklaventum aus Liebe“ diese engelhafte und höchste Freiheit, mit der Maria sie an der Schwelle zum 21. Jahrhundert erwartet: lächelnd, anziehend, sie einladend in ihr Reich, gemäß ihrem Versprechen in Fatima: „Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren!“
Komm also, lieber Leser, bekehre Dich und gehe mit mir, mit allen „Sklaven aus Liebe“ zu Maria, in Richtung dieses Reiches der höchstgeordneten Freiheit und der höchstfreien Ordnung, zu dem Dich die Sklavin (ancilla) des Herrn, die Königin des Himmels einladet.
Umgehe die Schwelle in der der Teufel wartet, wie ein schaurig lachender Totenkopf, in der Hand die Sichel der extrem versklavenden Freiheit und der extrem freiheitlichen Versklavung, das heißt, der Anarchie.


Vom Verfasser nicht revidierte freie Übersetzung aus dem portugiesischen Original in „Folha de São Paulo“, 20. September 1980.

Donnerstag, 30. November 2017

Sühneopfer - Die hl. Theresa vom Kinde Jesu

Plinio Corrêa de Oliveira

Die heilige Therese vom Kinde Jesu gehört sozusagen zu unserer Zeit — in Kürze feiern wir ihren fünfzigsten Todestag * —, und viele Menschen, die noch unter uns sind, sind absolut Zeitgenossen der jungen Karmelitin, die im Alter von 24 Jahren verstarb.

Glücklicherweise wurde die Fotografie schon zu ihrer Zeit erfunden, also haben wir authentische Porträts der großen „kleinen Heiligen“: einzigartig schön, mit regelmäßigen Gesichtszügen, leuchtendem und weitem Blick, fester Haltung und entschlossenem Antlitz, offenbart ihre Physiognomie scheinbare gegensätzliche Eigenschaften — zumindest für die liberale Mentalität — wie Güte und Festigkeit, Vornehmheit und Einfachheit, vollkommene und absolute Selbstbeherrschung und eine anziehende Natürlichkeit.
Wenn wir keine Fotos von dieser heiligen Rose des Karmel hätten, welche Vorstellung würden wir von ihr haben? Jene wie viele ihrer Bilder und Statuen uns präsentieren: Süß von einer sentimentalen und fast romantischen Süße, gut von einer rein menschlichen Güte und ohne jeglichen Hauch des Übernatürlichen, endlich eine junge Frau von guten Neigungen, aber von übertriebener Empfindlichkeit ... niemals eine Heilige, eine authentische und echte Heilige, ein funkelndes Licht im geistigen Firmament der Kirche des Wahren Gottes. Wenn auch nicht die gesamte Ikonographie, so doch wenigstens eine bestimmte Ikonographie, hat es fertiggebracht, nicht die Eigenschaften der Heiligen, doch aber ihre Physiognomie stark zu verändern. Das gleiche gilt für ihre Biographie. Eine gewisse sentimentalreligiöse Literatur fand Mittel, ohne die biographischen Daten der hl. Theresia zu verfälschen, so einseitig und oberflächlich bestimmte Episoden ihres Lebens zu interpretieren, dass sie ihre Bedeutung irgendwie entstellten. Die ikonographischen und biographischen Entstellungen waren alle in eine Richtung gerichtet: die tiefe, bewundernswerte, heroische und unsterbliche Bedeutung des Lebens der unsterblichen „kleinen Heiligen“ zu verbergen.

Am fünfzigsten Jahrestag ihres Todes wird jemand, der ihr sehr viel Dank schuldet, versuchen, mit einem doktrinären Kommentar zu ihrem Leben in ehrerbietiger Liebe einen Teil dieser Schuld zu begleichen.


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Die von Adam und Eva begangene Erbsünde und die später von der Menschheit praktizierten Sünden sind Vergehen gegen Gott. Um diese Vergehen einzulösen und den göttlichen Zorn zu besänftigen, war es notwendig. dass die Menschheit Sühne leiste. Diese Sühne war wie ein Preis, der das Fehlverhalten ausgleichen würde. Es gibt in gewisser Weise eine Wiedergutmachung. Durch die Sünde hat sich der Mensch unverdienterweise Freuden, Vorteile, Wohlgefühle angeeignet, auf die er kein Recht hatte. Um die Gerechtigkeit zu sühnen, hätte er notwendigerweise alles verlassen, vernichten und opfern müssen. Das sühnende Opfer nimmt dann den Wert eines Lösegeldpreises an, durch den man das begangene Vergehen wiedergutmacht. Um diese Sünden zu tilgen, hat die Heilige Kirche einen Schatz. Schauen wir mal von welcher Natur er ist.

Natürlich ist es kein Schatz materiellen Reichtums. Es ist ein moralischer und spiritueller Schatz, wie die moralische Natur der Fehler, die es zu lösen gilt, erfordert. Dieser Schatz besteht in erster Linie aus den unendlich kostbaren Verdiensten unseres Herrn Jesus Christus, die bei seinem heiligen Erlösertod von Gott angenommen wurden und die Erlösung der Menschheit bewirkten. Die Leiden, die Tugenden, die Sühne der sündigen Menschen wären völlig unfähig, den göttlichen Zorn zu besänftigen. Doch dazu würde das Heilige Opfer des Gottmenschen alleine genügen. Mehr noch, ein bloßer Tropfen des kostbaren Blutes hätte ausgereicht, um die ganze Menschheit zu erlösen.

Aber durch die unergründlichen Bestimmungen der göttlichen Vorsehung war die Erlösung in der Tat nicht in dem Augenblick wirksam, als das erste Blut des Erlösers für uns vergossen wurde, sondern nur, als er nach einer Flut von Qualen für uns am Kreuz verschied. Durch eine ebenso geheimnisvolle Gesinnung Gottes begnügt er sich nicht mit dem überreichlich genügenden Opfer des Erlösers. Die Menschheit ist erlöst, und tatsächlich ist das Erlösungswerk beendet. Aber um die Sünder zu erretten, um für ihre gegenwärtigen Sünden zu sühnen, damit die verirrten Seelen das Opfer des Gottmenschen nutzen, ist es notwendig, das auch wir Verdienste haben  müssen.

Die Schatzkammer der Kirche besteht daher aus zwei Parzellen. Eine, unendlich kostbar, überreich genug, überreichlich wirksam: es sind die Verdienste unseres Herrn Jesus Christus. Die andere sehr kleine, wertlose, unbedeutende: es sind die Verdienste von Menschen, die während des ganzen Lebens der Kirche erworben werden. Der kleine Teil ist nur etwas Wert in Verbindung mit dem unendlichen Teil. Aber — Geheimnis Gottes — an sich vollkommen verzichtbar, ist dieser Teil unentbehrlich, weil Gott es so wollte: „Wer dich ohne dich erschaffen hat, wird dich nicht ohne dich erretten“, sagt der heilige Augustinus. Gott hat uns ohne unsere Mitarbeit geschaffen, aber um uns zu erlösen, will er unsere Mitarbeit. Mitwirkung durch das Apostolat, ja, aber auch Mitwirkung durch Gebet und Opfer. Ohne die Verdienste der Menschen wird die Schatzkammer der Kirche nicht vollständig sein, und die Menschheit wird nicht vollständig von den Früchten der Erlösung profitieren.

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Aus einem anderen Blickwinkel müssen wir die Rolle der Gnade für die Erlösung betrachten. Kein Mensch ist zu einem geringsten Akt der christlichen Tugend in der Lage, ohne dass er durch die Gnade Gottes dazu berufen wäre und ohne die Hilfe der Gnade Gottes sie zu üben. Mit anderen Worten, die erste Idee, der erste Impuls, die ganze Verwirklichung des übernatürlichen Tugendaktes geschieht nur mit Hilfe der Gnade. Und zwar so, dass niemand die geringste christliche Tugend üben könnte — und nicht einmal die heiligen Namen Jesus und Maria mit Andacht aussprechen könnte — ohne die übernatürliche Hilfe der Gnade. All dies ist Glaubenswahrheit, und es zu leugnen, wäre Häresie. Unser Wille wirkt mit der Gnade zusammen, und ohne das Zusammentreffen unseres Willens gibt es keine mögliche Tugend. Aber nur von sich aus ohne die Gnade ist der Wille absolut nicht in der Lage, übernatürliche Tugend zu üben.

Nun, da ohne Tugend niemand Gott gefallen und gerettet werden kann, ist es leicht zu erkennen, dass die für die Tugend notwendige Gnade für die Erlösung notwendig ist.

Alle Menschen erhalten genug Gnade, um gerettet zu werden. Auch das ist eine Glaubenswahrheit. Aber in der Tat, durch die menschliche Boshaftigkeit, die unermesslich ist, wären nur wenige Menschen, in der Lage, mit der genügenden Gnade gerettet zu werden. Es ist notwendig, dass die Gnade im Überfluss vorhanden sei, um die Bosheit des menschlichen freien Willens zu überwinden. Die Fülle dieser Gnade, wie kann man sie von Gott erhalten, der erzürnt ist durch die Sünden der Menschen? Offensichtlich aus dem Schatz der Kirche.

Aber wie wir gesehen haben, besteht dieser Schatz aus zwei Teilen, von denen einer vollkommen und unveränderlich ist — der von Gott — und ein anderer, der veränderlich und unvollkommen ist, der von den Menschen. Je mehr der menschliche Teil des Kirchenschatzes mangelhaft ist, desto unzureichender werden die Gnaden sein. Je seltener die Gnaden sind, desto weniger werden die Seelen gerettet werden. Daraus folgt, dass für die Rettung der Seelen, der Schatz der Kirche immer aufgefüllt wird von Verdiensten, die von den Menschen gewonnen werden. Die großen Sünder sind kranke Kinder, für deren Heilung aus den Schätzen der Kirche geschöpft wird. Die großen Heiligen sind die gesunden und tätigen Kinder, die in jedem Moment neue Reichtümer in den Schatz der Kirche einbringen, die diejenigen ersetzen, die für die Sünder benutzt werden.

All dies erlaubt uns, eine Korrelation herzustellen: für große Sünder, große Ausgaben aus der Schatzkammer der Kirche. Entweder werden diese großen Ausgaben durch neue Mittel der Großzügigkeit Gottes und der heiligen Seelen geliefert, oder die Gnaden werden weniger reichlich, und die Zahl der Sünder nimmt zu.

Daraus folgt, dass für die Erweiterung der Kirche nichts notwendiger ist, als immer und immer wieder ihren übernatürlichen Schatz mit neuen Verdiensten zu bereichern.

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Natürlich kann man Verdienste erwerben, indem man überall die Tugend praktiziert. Aber es gibt im Garten der Kirche Seelen, die Gott besonders zu diesem Zweck bestimmt. Es sind diejenigen, die Er zum kontemplativen Leben beruft, in Klöstern mit strenger Klausur, wo bestimmte auserlesene Seelen sich besonders hingeben, Gott zu lieben und für die Menschen zu sühnen. Diese Seelen bitten Gott mutig, ihnen alle Prüfungen zu senden, die Er möchte, solange viele Sünder dadurch gerettet werden. Gott geißelt sie ständig auf die eine oder andere Weise, erntet von ihnen die Blume des Mitleids und des Leidens, um mit diesen Verdiensten neue Seelen  zu retten. Nichts ist bewundernswerter als sich der Berufung eines Sühneopfers für Sünder zu weihen. Das ist umso mehr der Fall, weil es viele gibt, die arbeiten, viele, die beten: Aber wer hat den Mut für andere zu büßen?

Das ist die tiefste Bedeutung der Berufung der Trapisten, der Franziskaner, der Dominikaner und der Karmeliter, unter denen die sanfte und heldenhafte Kleine Therese blühte.

Ihre Methode war eine ganz besondere. Indem sie die volle Übereinstimmung mit dem Willen Gottes praktizierte, bat sie nicht um Leiden, noch lehnte sie sie ab. Gott solle aus ihr machen, was Er wolle. Nie hat sie Gott oder ihre Oberinnen gebeten, Schmerzen von ihr abzuwenden. Nie hat sie Gott oder ihre Vorgesetzten um Kasteiungen gebeten. Ihr Weg war die vollständige Unterwerfung. Und in Angelegenheiten des geistlichen Lebens bedeutet vollständige Unterwerfung vollständige Heiligung.

Ihre Methode kennzeichnet sich noch durch eine weitere wichtige Note. Die heilige Therese vom Kinde Jesu übte keine großen physischen Abtötungen aus. Sie beschränkte sich einfach auf die Vorschriften ihrer Ordensregel. Aber sie bemühte sich um eine andere Art der Abtötung: jeder Zeit jeden Moment tausend kleine Opfer zu bringen. Niemals den eigenen Wille zu tun. Niemals das Angenehme, das Köstliche. Immer das Gegenteil von dem, was die Sinne verlangten. Und jedes dieser kleinen Opfer war eine kleine Münze in der Schatzkammer der Kirche. Kleine Münze, ja, aber aus Edelgold: Der Wert jeder kleinen Tat bestand aus der Liebe Gottes, mit der sie vollführt wurde.

Und was für eine verdienstvolle Liebe! Die heilige Theresa vom Kinde Jesu hatte keine Visionen, nicht einmal die gefühlten und natürlichen Regungen, die die Frömmigkeit zuweilen so angenehm machen. Absolute innere Trockenheit, dürre Liebe, aber bewundernswert inbrünstig, des vom Glauben geleiteten Willens, fest und heldenhaft an Gott gebunden, in der unfreiwilligen und unabänderlichen Atonie der Gefühle. Trockene und wirksame Liebe, ist im geistlichen Leben gleichbedeutend mit vollkommener Liebe...

Erhabener Weg, einfacher Weg. Ist es nicht einfach, kleine Opfer zu bringen? Ist es nicht einfacher, keine Visionen zu haben, als sie zu haben? Ist es nicht einfacher, die Opfer zu akzeptieren, anstatt nach ihnen zu fragen?

Einfacher Weg, Weg für alle. Die Mission der Kleinen Theresa war, uns einen Weg zu zeigen, auf dem wir alle gehen können. Möge sie uns helfen, diesen königlichen Weg zu gehen, der zu den Altären führt, nicht nur der einen oder anderen Seele, sondern ganzer Legionen.


*) Die hl. Therese starb am 1. Oktober 1897

Vom Verfasser nicht revidierte freie Übersetzung aus dem portugiesischen Original in „O Legionário“ Nr. 790, 28.9.1947.

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Über die Gottesmutterschaft Mariens


Heute, 11. Oktober (1963) ist das Fest der Mutterschaft Mariens.

Wir sind in der Novene Unserer Lieben Frau von Aparecida.

Morgen ist das Fest unserer Lieben Frau von Aparecida, Hauptpatronin und Königin Brasiliens.

Sagen wir etwas über die Gottesmutterschaft der Allerseligsten Jungfrau Maria.

* Sieht ein Katholik in der Kirche etwas, was ihm merkwürdig erscheint, versucht er sich darin zu vertiefen, und ist sich sicher, dass das Geheimnis etwas Wunderbares hervorbringen wird
Die Wichtigkeit dieses Festes für die katholische Frömmigkeit, und besonders für uns, wegen unserer sehr besonderen Verehrung Mariens, bezieht sich auf die Tatsache, dass alle außerordentlichen Gnaden, die Maria erhalten hat und die sie zu einem einzigartigen Geschöpf im ganzen Universum und im Heilsplan Gottes machten, all diese Gnaden haben als Titel, Ausgangspunkt und einzigen Grund, dass Sie die Mutter Unseres Herrn Jesus Christus ist. Und diese Behauptung, dass Sie Mutter Unseres Herrn Jesus Christus ist, beinhaltet die von der Kirche gelehrte Behauptung, dass Sie Mutter Gottes ist. Könnte man einen besonderen Kommentar machen, in Hinblick auf unsere Vorstellungen dieser Wahrheit?
Man könnte folgendes erwägen: Schauen wir uns an, wie sich die Hierarchie in den Werken Gottes einrichtet und wie alle von Gottes geschaffenen Dinge nuanciert sind, und wie das einer katholischen Eigenschaft entspricht.
Der revolutionäre Geist steht für Vereinfachungen. Eine bösartige Zunge würde sagen, der revolutionäre Geist ist polytechnisch. Im Gegensatz liebt der gegen-revolutionäre Geist die Schattierungen, das Nuancierte, und wenn ihm etwas daherkommt, was schwer zu begreifen ist oder gar widersprüchlich, versteht er doch, dass sich hinter diesem anscheinenden Widerspruch im Grunde eine sehr schöne Wahrheit, eine unverdächtige Wahrheit verbirgt, die man am Ende herausfindet. Dies ist etwas, was ich mir seit meiner Kindheit angewöhnt habe im Bezug auf die Kirche.
Eine Überraschung, die ich mit der Kirche erfuhr, war, als ich in ihr merkwürdige Dinge zu sehen meinte, in die ich mich verwickelt sah. Doch mit der Zeit, wenn ich mich in die Sache vertiefte, merkte ich, dass je merkwürdiger die Dinge mir schienen, desto schöner war die Erklärung, die sich mir am Ende offenbarte.
So habe ich mich an den Gedanken gewöhnt, dass jeder Einwand, den man der Kirche gegenüber machen könnte, gleich einem kleinen Loch ist, das man am Strand sieht. Wenn man mit dem Finger nachbohrt, findet man eine Perlmuschel. So auch in der Kirche. Bei allem, was einem komisch vorkommt, was man nicht so richtig versteht, was widersprüchlich scheint, und keine sofortige Antwort oder Erklärung liefert, sollte man auf eine Erklärung warten können, bis die Muttergottes uns einen Hinweis gibt, das Rätsel oder den Zweifel zu verstehen. Dann wird daraus eine glänzende Perle zum Vorschein kommen, die unseren Geist erleuchtet.
* Mit der Einrichtung der hypostatischen Union mit der menschlichen Natur schuf Gott eine größere Herrlichkeit, als wenn Er sich hypostatisch mit der geistlichen Natur der Engel vereint hätte
Es ist der Kirche eigen, dass man in einer mit Widersprüchen gespickten Sache, am Ende immer eine tiefe Harmonie herausfindet, die von einer Grundwahrheit hervorkommt.
Gibt es für eine kartesianische Mentalität etwas absurderes, als eine Mutter Gottes?
Stellen wir uns jemand vor, der nie katholischen Unterricht gehabt hat und folgendes weiß: die Katholische Kirche lehrt, dass Gott ewig und ein reiner Geist ist; sie lehrt aber zugleich, dass es eine Mutter Gottes gibt. Und gerade eine Mutter... Wenn es einen Vater Gottes gäbe, könnte man sich das noch vorstellen. Aber gerade eine Mutter, wenn man nicht einmal weiß, wer der Vater ist... Diese Mutter ohne Vater, diese Mutter, aus Fleisch und Blut, eines geistlichen Wesens, diese zeitliche Mutter eines ewigen Wesens?
Wie man sieht, gibt es hier eine Reihe von Widersprüchen, die für einen Protestanten das Ganze unmöglich und absurd sein lässt: „Mutter Gottes? Unmöglich!“
Absurd ist es aber nur in der Betrachtung. Wenn es aber um die Kirche geht, gibt es nichts und nie etwas Absurdes. Es gibt eine äußerst tiefe und übergeordnete Harmonie, die an ein außerordentliches Prinzip gebunden ist. Man muss abwarten, um zu verstehen.
Und so soll man es sehen: Gott, der Ewige und Vollkommene, erschafft die Engel. In einem unteren Bereich erschafft er den Mensch. Doch die Fleischwerdung, die hypostatische Vereinigung (Gott-Mensch) erstellt er nicht mit einem Engel, sondern mit der menschlichen Natur. Dies scheint ein Widerspruch zu sein: die höhere Würde der Engel würde verlangen, dass die hypostatische Union sich mit einem Engel ergebe, und sofort mit dem höchsten, dem schönsten Engel. Doch nein, Gott erstellt die Hypostase mit einem Geschöpf mit menschlicher Natur, sagen wir, er übernimmt die menschliche Natur für sich. Er stellt so die hypostatische Union her, und indem Er sie auf diese Weise mit einem niederen Grad als der der Engel herstellt, bewirkt Er etwas viel herrlicheres, als wenn Er diese Verbindung mit einem Engel hergestellt hätte.
Denn hätte Er diese Union mit den Engeln hergestellt, hätte er damit nur die geistige Schöpfung geehrt, da er sie aber mit dem Menschen erwirkte, ehrt er damit nicht nur die Engel, denn durch seine Seele hat der Mensch Teil an der geistigen Welt, aber auch das ganze Reich der erschaffenen Materie, dessen Krönung der Mensch ist. Durch diese scheinbare Unstimmigkeit wird also der ganze Kosmos eher gewürdigt, als wenn die hypostatische Union sich mit der englischen Natur ereignet hätte.

* Die göttliche Mutterschaft Mariens ist eigentliche Wurzel der marianischen Andacht
Dann setzt Gott fest, dass nach der Heiligsten Dreifaltigkeit ein menschliches Geschöpf den höchsten Platz einnimmt, dass das „nec plus ultra“ der ganzen Schöpfung ist. Eine Art Hierarchie wird eingerichtet: Gott, der unendliche, unvergleichbar jeglicher Kreatur; dann kommt Unser Herr Jesus Christus bei dem die geschaffene Natur in der hypostatischen Union mit der zweiten Person der Dreifaltigkeit aufgenommen wird; als nächstes kommt dann eine reine Kreatur, und diese ist die Mutter Gottes.
Wir sehen, dass hier eine Art Hierarchie eingerichtet wurde, was etwas Bewundernswertes ist, doch mit vielen Strebepfeilern, die wie Stützpunkte das Gebilde aufrechterhalten: die Engel bleiben so halb beiseite, denn es ist mit der menschlichen Natur, mit der sich die hypostatischen Union realisiert, und gleich danach kommt ein reines menschliches Geschöpf. Da es aber kein eigentliches Zwischengeschöpf zwischen Gott und den Menschen gibt, ist dieses reine Geschöpf ein verbindender Bogen, ein Mittler zwischen Gott und dem Menschen, der vollkommenste Spiegel Gottes, der nur eine reine Kreatur sein kann. Hier haben wir die Stellung der Mutter Gottes.
Als Mutter Gottes, eingesetzt als die Königin der Engel, als Königin der Menschen, als Königin des Himmels und der Erde. Sie wurde bekleidet mit allen anderen Eigenschaften, allen anderen Gnaden, mit allen anderen Titeln, die sie besitzt, einschließlich des der Allvermittlerin, weil sie die Mutter Gottes ist.
So verweist das heutige Fest unsere Aufmerksamkeit und unsere Frömmigkeit auf das, was in gewisser Hinsicht die eigentliche Wurzel, der Urgrund der Marienverehrung ist: die göttliche Mutterschaft Unserer Lieben Frau.
* Es ist dem liturgizistischen Geist eigen, nur den höchsten Titel Marias zu verehren und alle anderen zu verachten
Das kann aber auch zu Fehlinterpretationen führen.
Vor etwa zwanzig Jahren hörte ich von einer Person, die die Kongregation in der Pfarrei St. Therese vom Kinde Jesu gründen wollte, und lud ein paar junge Leute zu dieser Kongregation ein. Es wurde diskutiert, bereits aber schon infiziert durch den liturgischen Virus, welchen Namen die neue Kongregation erhalten sollte. Einer von ihnen sagte: „Die Kongregation soll den Namen ,Unsere Liebe Frau Mutter Gottes‘ heißen.“ Nichts einzuwenden.
-„Aber warum hast du diesen ungewöhnlichen Titel gewählt?“
Antwort:
- „Weil letztendlich, das einzige was an Maria zählt, ist, dass sie Mutter Gottes ist. Alles andere ist nichts.”
Hier tritt bereits eine Unausgewogenheit ein. Es ist das gleiche wenn man sagen würde: an einem Baum, das einzige, was zählt, ist der Stamm. Das Geäst, die Blätter, die Blumen, die Früchte haben keine Bedeutung. Wenn man schon die richtige Lehre akzeptiert, sie aber von aller Komplexität, die sie enthält, reinigen will, all die Vielfalt von Titeln auszuklammern, um allein den Stamm beizubehalten, ist bereits eine falsche Position.
Wir spüren hier den Hauch des simplen, liturgizistischen, protestantischen Geistes unter dem Vorwand, zu den Wurzeln zu gehen und den Rest des Baumes nicht zu beachten. Der katholische Geist ist das Gegenteil: Diesem Titel Mariens hoch verehren, ihm Respekt gebühren, wie er es verdient, aber begierig, aus diesem Titel alle möglichen Konsequenzen zu ziehen.
Man soll also offen sein für die Tausend Aufrufungen, die es schon gibt und für weitere, die bis zum Ende der Welt noch geschaffen werden, um Maria unter diesem oder jenem Aspekt zu verehren, der immer eine Folge ihrer göttlichen Mutterschaft ist.
* Die kostbarste Gnade, die wir durch die Andacht zu Maria erhalten können, ist eine echte mütterliche Beziehung, die sie mit uns eingehen will
Es scheint mir, dass diese Anrufung einen sehr wichtigen Inhalt hat: dass die Gottesmutter Maria, weil sie Mutter Gottes ist, durch eine Reihe von Konsequenzen, unter einem besonderen Aspekt die Mutter der Menschen ist, und folglich unsere Mutter.
Ich glaube, dass die kostbarste Gnade, die wir in Sachen Marienverehrung erhalten können, ist, wenn sie darin einwilligt, durch erhabene Bande mit jedem von uns eine wirklich mütterliche Beziehung einzugehen. Das kann auf tausend Weisen geschehen, aber im Allgemeinen offenbart sie sich als Mutter, wenn sie uns aus irgendeiner Schwierigkeit auf eine Art herausführt, die uns völlig unvergesslich bleibt. Oder wenn sie uns ein Fehltritt verzeiht, der eigentlich nicht hätte vergeben werden können, aber den sie mit einer jener Gütigkeit, die nur Mütter haben, an uns vorbeigeht, vergibt und beseitigt, so wie unser Herr Jesus Christus im Vorbeigehen einen Aussätzigen von seiner Lepra geheilt hat. Und so gründlich, dass nichts mehr übrig bleibt.
In der Tat verdiente dort nicht verziehen zu werden, es gab keine mildernde Umstände, nichts verdiente dort als nur den Zorn Gottes, aber sie, als Mutter, mit ihrer souveränen Macht und mit einer Nachsicht, die nur Mütter haben, löscht sie mit einem Lächeln jede Schuld aus, und die Vergangenheit ist verbrannt und völlig vergessen.
Maria teilt solche Gnaden aus, und manchmal so, dass für ein ganzes Leben in der Seele eine Überzeugung wie mit Feuer eingeprägt wird, aber mit einem Feuer, das ein Feuer vom Himmel und kein Feuer von der Erde und noch weniger ein Feuer aus der Hölle ist, mit Feuer in der Seele diese Überzeugung eingeprägt wird, dass wir tausendmal zu ihr unsere Zuflucht nehmen können, in tausendmal schlimmeren unentschuldbaren Umständen, und sie wird uns immer wieder verzeihen, weil sie uns eine Tür der Barmherzigkeit geöffnet hat, die niemand schließen kann.
* Wir leben von einem Barmherzigkeitskredit, den Maria für uns eröffnet hat
Ich glaube, meine lieben Freunde, wenn diese Behauptung dem Glauben entspricht, es ist genau das, von dem wir leben. Es ist ein Kredit der Barmherzigkeit, den Unsere Liebe Frau für uns eröffnet hat. Aber von einer Barmherzigkeit, wie es sie selten gegeben hat, und wir sie daher nicht verdient haben, weil wir trotzdem alles weiterhin tun; sie hat aber dennoch noch einmal ein Lächeln, noch einmal eine Vergebung für uns, sie fischt uns noch einmal aus dem Schlamm. Das erinnert mich an ein Wort, das, wenn ich mich nicht irre, in der Apokalypse vorkommt: „Weil sie schwach waren, habe ich ihnen eine Tür geöffnet, die kein Mensch schließen kann“ (vgl. Offb 3,8) Ich sah hierin eine Anwendung an die Verehrung des Heiligen Herzen Jesu. Ich finde es äußerst legitim.
Ich denke, es ist auch sehr legitim, dies auf das Unbefleckte Herz Mariens und das Mütterliche Herz Mariens für uns anzuwenden.
Wenn man von einer besonderen Gnade unserer Bewegung spricht, heißt es nicht, dass es sich um eine verdiente Gnade handelt, sondern von der Gottesmutter ganz unverdient gegeben, weil sie sie geben will.
Ich kenne keine fühlbarere Wahrheit, die unserer Liebe und Dankbarkeit würdiger wäre. Weil, um ein schäbiges Bild zu geben, was mir gerade einfällt, wir stehen zur Muttergottes, wie Brasilien zu den Vereinigten Staaten: Wir zahlen unser Darlehen zurück, holen uns aber neue, in denen die Zinsen des bisherigen Darlehens einbezogen sind. Wir sind festgefahren und sitzen in der Klemme.
Mit dem Unterschied, dass sie uns behandelt, wie die Vereinigten Staaten sehr weit davon entfernt sind, unser Land zu behandeln. Wenn also die Gottesmutter am Ende dieses Tages uns eine Gnade gibt, ob wir mit uns zufrieden sind oder nicht, wenn sie uns die Gnade gibt, in den Tiefen unserer Seelen ein besonderes Gefühl des Vertrauens zu haben, ist es nicht weil wir ein Anrecht darauf haben, mit uns selbst zufrieden zu sein, sondern weil wir wissen, wie gut sie ist. Wenn sie uns diese Gnade gibt, glaube ich, dass der Tag und die Woche gut bezahlt worden sind.

Plinio Correa de Oliveira, Vortrag „Heiliger des Tages“ am 11. Oktober 1963.


Freie Übersetzung aus dem Portugiesischen. Der Originaltext ist die Abschrift einer Aufzeichnung, wurde vom Urheber nicht revidiert.

Donnerstag, 14. September 2017

Zum Fest der Kreuzerhöhung

  

* Die Bedeutung des Festes der Erhöhung des Heiligen Kreuzes
Heute ist das Fest der Erhöhung des Allerheiligsten Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus.
Die allgemeinen Kommentare über das Fest der Heiligkreuz Erhöhung behandeln auf sehr würdiger Weise das heilige Kreuz. Dem gegenüber werde ich eher von der Kreuzerhöhung sprechen und nicht vom Kreuz an sich, um die Bedeutung dieses Festes hervorzuheben.
Wie wir wissen, war das Kreuz ein Folterinstrument, das in der ganzen Antike verwendet wurde. Es bedeutet für jeden, der gekreuzigt wurde, eine Schande; es war eine Schande für den Verurteilten und es war eine Schande für seine Familie.
Der hl. Paulus beschwerte sich, dass er bei seinem Martyrium nicht gekreuzigt werden oder einer anderen Art des Todes leiden, sondern weil er enthauptet werden sollte. Er war nämlich ein römischer Bürger, und ein römischer Bürger wurde niemals gekreuzigt, er hatte die Ehren eines römischen Bürgers.
* Das Kreuz war nicht nur eine Demütigung, sondern es war der Höhepunkt aller Demütigungen, die unser Herr erlitt
Unser Herr Jesus Christus wurde gekreuzigt, er wurde einer ungeheuren Demütigung ausgesetzt. Diese Demütigung bedeutete, dass er wie ein Verbrecher, wie ein Dieb sterben müsse, auf der gleichen Art wie die beiden anderen Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt wurden.
In diesem Sinne war das Kreuz nicht nur eine Demütigung, sondern es war der Höhepunkt aller anderen Demütigungen, die er während seiner irdischen Existenz erlitt.
Unser Herr erlitt schon während seines irdischen Lebens Demütigungen aller Art. Diese Demütigungen, die einem wachsenden Hass entsprachen, führten zur größten aller möglichen Demütigungen, zum Opfer am Kreuz. Dieses Vorhaben, Unseren Herrn einem moralischen Martyrium zu unterwerfen, das ihn während seines ganzen öffentlichen Lebens demütigte, ist sehr offensichtlich.
Wir beobachten während der ganzen Passion den Wunsch, unseren Herrn zu demütigen. So z. B. die Dornenkrone, der Mantel eines Narren und ein Schilfrohr in der Hand als Zepter und die Folterknechte, die ihn schlugen usw., drückten den Wunsch aus, ihn in seiner Allerheiligsten Seele zu quälen und nicht nur an seinem Heiligen Körper.
So bedeutet das Kreuz Unseres Herrn alle Demütigungen, die er während seines Lebens erlitten hat. Und es ist der Beginn aller Demütigungen, die bis zum Ende der Welt alle Katholiken leiden würden, weil sie Unserem Herrn Jesus Christus gefolgt sind.
Denn die Bosheit entwaffnet nicht. Sie zielt immer darauf ab, zu demütigen, sie zielt immer darauf ab, die Moral zu brechen. Es ist keiner hier unter uns, der nicht gedemütigt worden ist wegen seiner Treue zu unserem Herrn Jesus Christus. Es ist eine Ehre für uns, es ist genau eine der Seligpreisungen, wegen der Liebe zu Jesus Christus verfolgt zu werden.
Wir alle leiden diese Demütigungen, und wir werden bis ans Ende der Welt leiden, gerade wegen der fortwährenden Beleidigungen der Bösen gegen Gott.
* Die Katholiken übernahmen das Kreuz als Zeichen der Ehre, um die Ehre Unseres Herrn Jesus Christus wieder herzustellen
Kaiserkrone Brasiliens
Aber parallel dazu wird die Ehre Gottes, die Ehre Unseres Herrn Jesus Christus, von der Kirche beansprucht. Und darum nahmen die Katholiken das Kreuz als Zeichen der Ehre, als das, was es am allerheiligsten gibt, als das Symbol von allem, was es am allerheiligsten gibt. Und hier sehen wir drei charakteristische Ausdrucksformen für die Zeiten des Glaubens: das Kreuz, das auf den Kronen steht; das Kreuz als ein heraldisches Zeichen der edelsten Verdienste der Familien der hohen Aristokratie; das Kreuz angebracht auf hohe Ordensabzeichen.
All dies zeigt, dass der Katholik, das Kreuz in Anbetracht dieser Demütigung erhöhen möchte, um diese Demütigung zu widerrufen und mit ritterlichem Stolz, mit übernatürlichem Stolz zu kämpfen, um das Heilige Kreuz zu erhöhen..
Was bedeutet das?
Vor allem ist es, das Kreuz Unseres Herrn Jesus Christus auf sich zu nehmen und es verherrlichen.
Die Erscheinung des Kreuzes an Konstantin auf der Milvia Brücke mit dem Hinweis: „In diesem Zeichen wirst du siegen!“, bedeutete das. Das Kreuz stieg am Himmel auf und würde für immer am Horizont der Welt sein, um die Bösen zu demütigen, um die Teufel zu demütigen.
Und das Kreuz würde wiederum das Zeichen unserer Ehre sein, wie auch unsere Kreuze ein Zeichen unserer Ehre sein würden. Unsere Ehre besteht nicht darin, nicht gedemütigt zu werden, sondern die Demütigung mit Stolz zu ertragen.
Mehr noch, die Demütigung mit einem Geist der Herausforderung entgegenzutreten. Denen, die uns demütigen, treten wir wie Ritter entgegen und verkündigen mit noch größerem Stolz das Kreuz Unseres Herrn Jesus Christus.
* Erhöhung ist die stolze Verkündigung der Herrlichkeit des Kreuzes
Diese Idee der Erhöhung ist genau das: es ist die Verkündigung der Herrlichkeit des Kreuzes mit einem Stolz, die die Demütigungen des Gegners gegen Christus zermalmt
Daher das lateinische Wort „Exaltatione“, nach oben heben, Erhöhung. Das heißt, das zu erhöhen, was gedemütigt wurde, was herabgesetzt wurde. Dies ist die Verherrlichung des Kreuzes Unseres Herrn Jesus Christus.
Das ist genau das, was dem „Frömmler“ fehlt. Wenn der „Frömler“ irgendeine Demütigung bemerkt, macht ein faules Gesicht, sabbert und flieht. Er füllt mit Schande die Sache, die er verteidigen sollte.
Unsere Sache (Anliegen) muss mit dem Geist des Rittertums verteidigt werden, und wenn also jemand das Kreuz vor uns beleidigt, müssen wir mit vier Steinen in der Hand antworten. Aber nicht, wie man die eigene Ehre verteidigt, weil unsere Ehre ist sehr unbedeutend, sondern wie man die die Ehre Unseres Herrn Jesus Christus verteidigt, die Ehre der Gottesmutter.
Wir müssen also den Sinn haben, für eine ständige Erhöhung des Kreuzes, eine Art Ritter- oder Kriegergeist, der für die Herrlichkeit des Kreuzes ständig kämpft. Dies ist die Gnade, um die wir am Fest der Erhöhung des Heiligen Kreuzes bitten sollten.

Plinio Correa de Oliveira, Vortrag “Heiliger des Tages” am 14. September 1965.


Freie Übersetzung aus dem Portugiesischen. Der Originaltext ist die Abschrift einer Aufzeichnung, wurde vom Urheber nicht revidiert.