Dienstag, 25. Juli 2017

Plinio Corrêa de Oliveira und die hl. Theresia vom Kinde Jesu

Pontifikal in der Kirche der Benediktinerabtei in São Paulo
Predigt von Weihbischof Athanasius Schneider im Pontifikalamt
zum Andenken an den 20. Todestag von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira
in der Kirche der Benediktinerabtei St. Benedikt in São Paulo, Brasilien

Liebe Brüder in Unserem Herrn Jesus Christus!
Nach dem Kalender der traditionellen römischen Liturgie, feiern wir heute das Fest der heiligen Theresia vom Kinde Jesu. Die göttliche Vorsehung hat dieses Fest mit dem Geburtstag von Plinio Corrêa de Oliveira zum ewigen Leben in Übereinstimmung gebracht. Die hl. Theresia war eine Prophetin der Neuzeit, als sie uns daran erinnerte, dass die Gnaden der geistigen Kindheit die wirksamsten Mittel sind, die persönliche Heiligkeit zu erreichen, und um gegen die bösen Geister und die Feinde der Kirche zu kämpfen. Die hl. Theresia hatte auch eine große Liebe zur Kirche und da Maria die Mutter der Kirche ist, war sie auch eine völlig marianische Seele. Ein authentisches Kind der Kirche zu sein bedeutet, zugleich eine marianische Seele zu sein. Die hl. Theresia schrieb: „Im Herzen meiner Mutter, der Kirche, werde ich die Liebe sein, so werde ich alles sein, so wird mein Traum in Erfüllung gehen.“
Diese feurigen Worte erklingen wie ein Echo im folgenden persönlichen Zeugnis von Plinio Corrêa de Oliveira im Jahr 1978, am Jahrestag seiner Taufe: „Das ist meine Haltung an jedem Tag, in jeder Minute, in jedem Augenblick: den Blick ständig auf die katholische Kirche gerichtet, um von ihrem Geist durchdrungen zu werden, um sie in mir zu haben. Und sollte sie von allen Menschen verlassen werden, und soweit dies möglich wäre, ohne dass sie aufhörte zu existieren, möchte ich sie vollständig in meiner Seele haben. Ich möchte nur für die Kirche leben. So dass ich in der Stunde meines Todes sagen kann: Wahrlich, ich war ein katholischer Mann, durch und durch apostolisch, römisch, römisch, römisch!“

„Vir totus catholicus et apostolicus plene Romanus.“ Die Inschrift, die wir auf seinem Grabstein lesen auf dem Friedhof Consolação (in São Paulo), gibt uns ein Überblick und eine Zusammenfassung seines gesamten geistlichen Lebens und der Mission, die ihm von Gott anvertraut wurde. Römisch, apostolisch, katholisch sein, bedeutet liebesentflammt für die Kirche sein, die Christus selbst ist als sein mystischer Leib. Die Kirche ist das Reich Christi durch Maria: „Regnum Christi per Mariam“, „Adveniat regnum tuum per Mariam“. Die Ankunft der vollständigen Verwirklichung des Reiches Christi in der Kirche durch Maria, das ist das Motto und der Kern der Lehre und den Apostolates des hl. Ludwig von Montfort. Man kann sagen, dass es der Kern, das Herz, des gesamten Lebens und Wirkens von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira war.
Einer der erfolgreichsten Wege, das geistliche Reich Christi durch Maria zu fördern, ist die vollständige Weihe an Maria, das heilige Sklaventum aus Liebe. Das heilige Sklaventum war der spirituelle Weg vieler Heiligen, die in der Schule des Heiligen Herzens, gelernt haben Gott zu lieben und seinen heiligen Willen zu tun. Heiligen wie die hll. Johannes Maria Vianney, Johannes Bosco, Dominicus Savio, Teresa, Gemma Galgani, Pius X., Pio von Pietrelcina und vielen anderen unserer Zeit haben in der vollkommenen Weihe an die Heilige Jungfrau nicht nur als eine einfache Andacht betrachtet, sondern als die perfekte Andacht, genau wie sie Jesus wollte, als er uns zu Kindern seiner heiligsten Mutter gemacht hat. Prof. Plinio hat dieses heilige Sklaventum nicht nur in aller Treue gelebt, sondern er wurde auch ein wahrer Apostel dieser totalen Hingabe an Maria.
Der hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort
Der innigste Ausdruck der Ganzhingabe an Maria, das heißt, des heiligen Sklaventums, zeigt sich in dem Wunsch nach einer vollständigen und bedingungslosen Hingabe seines Lebens als ein Opfer, um das Reich Christi zu verbreiten und das Reich des Anti-Christen zu verdrängen. Die innere Stimme der Gnade, die zur Seele von Prof. Plinio sprach, hat ihn aufgerufen, den gegenrevolutionären Kampf aufzunehmen. Es war, wie ein prophetischer Blitz der die Wolken seiner Zukunft durchbrochen hat: er sollte nicht sterben, sondern leben, um zu kämpfen. In diesem Kampf gegen das gegenwärtige anti-christliche Reich wurde Prof. Plinio, im Geist der hl. Theresia, geführt vom Wunsch der Ganzhingabe seinerselbst als Opfer für die Kirche und für die christliche Zivilisation.
Im Zweifel zwischen dem Weg der Sühne in Abgeschiedenheit, wie es die hl. Theresia tat, die er zutiefst bewunderte, und dem Weg des offenen Kampfes gegen die Revolution zu wählen, schrieb Prof. Plinio: „Ich beschloss, einen Aspekt des von der hl. Theresia gelehrten Weges zu übernehmen, der darin besteht, Gott Unserem Herrn um nichts zu bitten und nichts zu verweigern. Er besteht darin, alles zu akzeptieren, dass er mir schicken möchte. ‚Si fieri potest transeat ad me calix iste.‘ Ich beschloss, den Kelch bis zur Neige trinken, den mir Gott reichen wollte, mein Opfer bis zum Ende zu vollbringen. Also hörte ich auf, Unserem Herrn irgendetwas für mich zu erbitten, und mich ganz in die Hände Unserer Liebe Frau hingeben.“
Mit alle Fasern seiner Seele wünschte Plinio Corrêa de Oliveira für die Verteidigung der Kirche und der christlichen Zivilisation zu kämpfen. Dieser Kampf schloss die Möglichkeit nicht aus, zu sterben. Er würde sich glücklich fühlen, wenn kämpfend sterben könnte. Ein Tod ohne Kampf war seiner Seele zuwider: „Sterben ist schön. Die Märtyrer sind gestorben, die Opfer der Französischen Revolution sind gestorben. Sich selbst als Opfer darzubringen ist schön! Ein Kranker, der im Bett stirbt, kann sich als Opfer darbringen. Die hl. Theresia vom Kinde Jesu hat sich als Opferlamm angeboten. Aber der Tod im Kampf hat seine eigene besondere Schönheit.“
Bei einer anderen Gelegenheit sagte er: „Das Schöne ist nicht Gott zu bitten, er möge uns den Kampf ersparen. Genau das Gegenteil ist Sache! Nie ist meine Berufung schöner, wenn ich kämpfen muss! Hier erscheint der Kampf in all seiner Pracht. So nimmt der Kampf den Charakter einer Bestätigung des Absoluten an. Gott wohnt in der Seele die kämpft. Wer für die Kirche und für die christliche Zivilisation kämpft, spürt in der Seele die Berührung der Absolutheit Gottes. Und das ist es, was einen zum Helden werden lässt, auch wenn er zerquetscht sterben sollte.“
Der Kampf Prof. Plinio war kein physischer und blutiger Kampf, wie sie zum Beispiel die Kreuzfahrer führten, aber ein kultureller und moralischer Kampf gegen die Feinde der Kirche, der typisch für die Zeit ist, in der er lebte. In diesem Zusammenhang schrieb er: „Ich gebe nicht mein Blut hin, aber mein ganzes Leben. Es sind Stunden um Stunden der aufmerksamen Beobachtungen, der Mühen, der Eingriffe, der Einsätze. Das ist mein Leben! Das ist mein Opfer, so dass jeder Hieb der Gegenrevolution ein Treffer ist. Ich tue dies mit dem Schwung, mit dem die Kreuzfahrer sich in den Angriff auf Jerusalem warfen. Es ist diese Dynamik, die mir den Mut gibt so viele Opfer zu bringen. Ich sehe jede kleine oder große Episode des gegenrevolutionären Kampfes nicht wie eine langweilige, schwer durchzuführende Tat, eine kleine Episode in meinem täglichen Leben. Nein! Im Kampf und im Opfer ist mein tägliches Leben in ein übernatürliches Licht getaucht, und projiziert sich auf eine viel höhere und schönere Ebene. In diesem Licht sehe ich die Schönheit all dessen, was ich tue.“
Er kämpfte für die Muttergottes: „Wenn ich die Wahl hätte, so würde ich gerne die Jungfrau lobend sterben, und trotz meines Alters, würde ich gerne kämpfend sterben, zum Beispiel in der Verteidigung ihres Bildes. Ich würde gerne in einer Kirche unter dem Altar begraben werden, so dass der Priester jedes Mal wenn er die Messe feiert, sie über meinen Körper feiert.“
Plinio Corrêa de Oliveira,
Prior des 3. Ordens der Karmelitaner
Die göttliche Vorsehung hat zwei Seelen zusammengeführt, zwei blühende Blumen im geistigen Garten des Karmel: die hl. Theresia und Prof. Plinio, der lange Jahre Mitglied und Prior des Dritten Ordens der Karmelitaner war, dessen Geist er sein ganzes Leben lang beibehalten hat. Diese zwei Seelen waren sehr unterschiedlich in ihren jeweiligen Außenmissionen, wie gleichartig in ihren inneren Leben. Eine Seele war die kleine Frühlingsblume von Lisieux, eine andere die von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira, ein außergewöhnlicher ‚Miles Christi‘, ein wahrer Ritter Christi in unserer Zeit. Nur Gott könnte eine kleine Frühlingsblume und einen furchtlosen Ritter vereinen. Doch diese Seelen waren vereinigt in der flammenden Liebe zur die Kirche, zur Heiligen Jungfrau Maria, im bedingungsloser Opferbereitschaft zu unserem Herrn Jesus Christus. Sie waren vereint in der Verteidigung des Reiches Christi auf Erden durch Maria: Ad Jesum per Mariam!
Der Schlüssel zum Verständnis des intensiven geistlichen Lebens und den heroischen Eifer für das Reich Christi, dieser beiden auserwählten Seelen ist die Vermittlung Mariens. Beiden lächelte die Madonna in jungen Jahren zu und wählte sie als bescheidene Instrumente, um die Mächtigen dieser Welt und das Reich des Bösen zu verwirren.
Am Festtag der hl. Theresia, den zwanzigsten Jahrestag des Ablebens von Plinio Corrêa de Oliveira, hören wir die Worte der Heiligen von Lisieux: „Ich möchte singen, o Maria, weil ich dich liebe. Dein Name ist so süß, dass er mein Herz zum Schwingen bringt. Bald fühle ich die Harmonie deiner Stimme. Bald werden wir dich im schönen Himmel sehen. Du, die du gekommen bist und mir zulächeltest in der Morgendämmerung meines Lebens, komme wieder und lächele mir noch einmal zu. Liebe Frau, der Tag neigt sich. Aber ich habe keine Angst vor dem erhabenen Glanz deiner Herrlichkeit. Mit dir habe ich gelitten und gekämpft, und jetzt will ich auf deinem Schoß singen, o Maria, weil ich dich liebe. Ich werde für alle Ewigkeit immer wiederholen: Ich bin deine Tochter!“
Amen.

Sonntag, 16. Juli 2017

Die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens


Plinio Corrêa de Oliveira


Eines der Merkmale der Verehrung, die wir unserer Lieben Frau schulden, besteht sicherlich darin, dass sie von großer Zärtlichkeit begleitet ist. Und doch besteht die Verehrung aus mehr als nur Zärtlichkeit, Überschwang und Gemütsbewegung.

Um beständig zu sein, ist es wichtig, dass die Marienverehrung auf präzise, exakte und logische Kenntnisse gründet. Nur aus der guten Kenntnis der Wahrheit kann eine dauerhafte und ehrliche Liebe hervorgehen. Die Frömmigkeit muss durch die eingehende Beschäftigung mit der katholischen Lehre bestärkt werden. In dieser wird sie nämlich ihr bestes Fundament und ihre wahre Wurzel finden.

Wenn die Kirche die Weihe von Völkern, Bistümern, Familien und Einzelpersonen an das Heiligste Herz Jesu oder an das Unbefleckte Herz Mariens fördert, so will sie damit erreichen, dass die auf diese Weise Geweihten Elemente, den Entschluss fassen, auf eine ganz besondere Art dem Herzen Jesu oder dem Herzen Mariens anzugehören, indem sie treuer die Gebote befolgen, sich die heiligen Herzen zum Vorbild nehmen und dafür im Gegenzug deren ganz besondere Gunst und Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Weihe ist daher nicht einfach ein Ritus oder eine vage Formel, die im Augenblick frommer Gemütsbewegung ausgesprochen wird. Sie ist vor allem ein wohl durchdachter, bewusster, gewollter und tiefgreifender Akt, der mit dem Vorsatz einer vollkommeneren Eingliederung in das Leben und in die Lehre der heiligen katholischen Kirche verbunden ist, denn nur so ist es möglich, wirklich Jesus und Maria anzugehören.

Es ist leicht zu verstehen, dass eine solche Weihe sowohl von äußerst tugendhaften Menschen vorgenommen werden kann, als auch von solchen, die noch die ersten Gehversuche auf dem Weg zur Vollkommenheit im geistlichen Leben machen. Für die Einen wie für die Anderen ist der Weiheakt von großem Nutzen, weil er auf den, der ihn ausführt, den ganz besonderen Schutz der göttlichen Vorsehung herabruft und ihm damit außergewöhnliche Heilsgarantien versichert.

Viele Katholiken verstehen sehr gut, dass sich jemand dem Heiligsten Herzen Jesu weiht, denn diese vortreffliche Übung ist schon sehr häufig vollzogen worden und die Zahl der dem Herzen Jesu geweihten Familien ist heute - Gott sei Dank! - sehr groß. Sie tun damit ihren festen Vorsatz kund, ihr Leben dem des Heiligsten Herzens Jesu anzupassen und ein wahrhaft frommes, christliches Leben zu führen. Auf diese Weise heiligen sie ihre Standespflichten, indem sie diese im Geiste einer übernatürlichen, opferbreiten Einstellung leben. Für den Erfolg dieser Vorsätze und den Empfang aller damit verbundenen Gnaden empfehlen sie sich ganz besonders dem göttlichen Herzen, das die eigentliche Quelle  alles Guten ist.

Doch allgemein wird der Weihe zum Unbefleckten Herzen Mariens leider weniger Verständnis entgegengebracht. Vielleicht gibt es auch einige, die in den angesprochenen Weihen einen Widerspruch sehen: Wie kann man gleichzeitig zwei Herren angehören, zwei Herzen gehorchen? Widerspricht sich das nicht? Schließt da nicht eine Weihe die andere aus?

Nichts ist haltloser als das. In Wirklichkeit ist die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens eine Ergänzung der Weihe an das Heiligste Herz Jesu. Doch nicht eine überflüssige Ergänzung sondern zweifellos eine kostbare und bewundernswerte Ergänzung, die der Weihe an das Herz Jesu eine wunderbare Wirklichkeit und Vollkommenheit verleiht.

Das Herz Mariens ist par excellence das Reich des Herzen Jesu. Die Einigkeit dieser beiden Herzen ist so vollkommen, dass es Autoren gibt, die sie sozusagen zu einem einzigen Herzen verschmelzen, in dem sie vom Herzen Jesu und Maria sprechen. Die ganze marianische Frömmigkeit gründet auf diese Grundwahrheit, das Maria der Kanal ist, durch den man zu Jesus kommt, Sie ist das Tor, das Leben, der eindeutige Weg, auf dem wir mit höchster Sicherheit, schneller, leichter Unseren Herren Jesus Christus erreichen. So ist die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens das sicherste, leichteste und schnellste Mittel die Vollkommenheit der Weihe an das Herz Jesu zu erreichen.

Einen Weiheakt zu vollziehen ist sicherlich leicht. Sich aber ehrlich, ernsthaft und gewissenhaft weihen, ist jedoch viel schwieriger. Um die notwendigen Bedingungen für eine vollkommene Weihe an Jesus zu erfüllen, ist nichts besser, sicherer, zweckmäßiger als uns Maria zu Weihen.

Christozentrisch denken bedeutet in Jesus Christus die Mitte von allem zu betrachten. Doch der wahre Christozentriker aber weiß, dass es nur einen wahren Weg gibt, der zur Mitte führt; und dieser Weg ist Maria.



*****

Die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens ist aktueller denn je. Mehr denn jemals zuvor braucht die von Missgeschicken jeder Art geplagte Welt ein mütterliches Herz, dass sich ihrer erbarmt. Daher ist es mehr denn je nötig, dass wir uns an das Herz unserer Mutter wenden, dass wir es anflehen, seine empfindlichsten Fasern rühren, seine innigsten Saiten schlagen, um all seine Barmherzigkeit, all seine Liebe, all seine Hilfe zu erlangen.

Wenn Papst Pius XII. die ganze Welt dem Herzen Mariens geweiht hat, so lasst uns seine Geste nachahmen und gleichsam ergänzen, indem wir uns vorbehaltlos demselben Unbefleckten Herzen weihen. Auf diese Weise werden wir dem Wunsch des Papstes entsprechen und dem von der göttlichen Vorsehung festgelegten Weg folgen.


Legionário Nr. 575,  15.8.1943

Sonntag, 2. Juli 2017

Mariä Heimsuchung - Das Magnifikat





Plinio Corrêa de Oliveira
     Das Fest Mariä Heimsuchung ist verbunden mit dem Magnifikat, das die Muttergottes bei dieser Gelegenheit gesungen hat.

     Das Magnifikat scheint mir ein Meisterwerk von folgernden Überlegungen, die den Geist Mariens sehr klar anschaulich machen, das heißt, es zeigt uns die logische Struktur ihres Geistes. Es zeigt uns auf erstaunlicher Weise, wie sie im äußersten Zustand der Freude und Verzückung die rationale Struktur eines Gedankenganges beibehielt.

     Es ist schön festzustellen, wie sie alle Eigenschaften Gottes vor allem im Hinblick auf seine Macht und Größe besungen hat. Dies ist einer falschen süßlichen Frömmigkeit ganz fremd, die sich fast ausschließlich auf die Barmherzigkeit Gottes fixiert. Sicherlich müssen wir auch die Barmherzigkeit Gottes rühmen auf Ewig, denn ohne seine Barmherzigkeit wären wir nichts. Doch darf man nicht einer Einseitigkeit verfallen und damit die göttliche Macht und Größe beiseite lassen oder gar vergessen. Beides, Barmherzigkeit und Macht, muss man in gleicher Weise immer berücksichtigen.

     Und das sieht man im Magnifikat: Es spricht von Größe und Macht aber auch von der Barmherzigkeit, als eine der Äußerungen der Größe Gottes.

    
Ich werde also das Magnifikat unter diesen zwei Aspekten kommentieren: 1. Es ist in seinem Gedankengang ein äußerst rationaler und strukturierter Text, der eine These beinhaltet, ganz im Gegensatz zu einer nur emotionalen Frömmigkeit. 2. Die Hervorhebung der Größe Gottes, jedoch mit einem glühenden Hinweis auf seine Barmherzigkeit.



   Das Magnifikat hat die Eigenschaften einer These.

   Die ersten zwei Verse sind die These:

    „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“

   Dann kommen die Gründe.

   Erster Grund:

    „Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter!“

    Sie preist Gott, weil er ein großes Werk vollbracht hat: Aus einer einfachen, demütigen Magd hat er eine Königin gemacht, die alle Geschlechter seligpreisen werden. Dies ist eine Äußerung der Macht Gottes.

    Ein anderer Grund:

    „Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilige.“

    Er hat an ihr Großes getan, dies veranschaulicht  seine Größe. Deshalb preist sie den Herrn.

    Ein weiterer Grund:

    „Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.“
   
  Sie preist ihn, weil seine Barmherzigkeit sich über die Geschlechter, die ihn fürchten, hinweg ausbreitet. Auch dies ist eine Äußerung der Größe und der Barmherzigkeit Gottes.

    Man beachte, dass Gott sich nur derer erbarmt, die ihn fürchten, die also um seine Größe wissen und vor dieser Größe sich fürchten. Diese Furcht bedeutet nicht Ängstlichkeit sondern es ist eine ehrerbietige Furcht, Ehrfurcht genannt. Es ist die Furcht, die aus der Einsicht und Annerkennung der Größe, der Heiligkeit und der Güte Gottes kommt.

  Der nächste Vers gibt einen weiteren Grund, die Größe des Herrn zu loben:

    „Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten; er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind“.

    Gott ist groß und mächtig, nicht im Verhältnis zu denen, die ihn fürchten, sondern zu denen, die ihn nicht fürchten. Diesen gegenüber hat er die Macht seines Armes kund getan und zerstreut die Bösen, in deren Herzen sich hochmütige Gedanken bilden.

    Gott ist groß in seiner Fähigkeit diejenigen zu treffen, die ihn nicht fürchten.

    Hier offenbart sich die Größe Gottes in seinem Zorn, nachdem die Größe seiner Barmherzigkeit gelobt wurde.

    Wir sehen hier, wie dieser Lobgesang ausgeglichen ist, wie er die Größe Gottes in all seinen Eigenschaften verkündet. Wie ist das doch verschieden von der Einseitigkeit der süßlichen Frömmigkeit, die Gott nur unter der Sicht der Barmherzigkeit und der Nachgiebigkeit betrachtet, ohne den Ausdruck seiner Größe einzubeziehen.

    Ein weiterer Grund:

    „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“.

    Die Mächtigen von ihrem Thron stoßen, bedeutet nicht, jemanden, der auf eine Thron sitzt und Macht hat, herunterzustürzen und durch einen Niedrigen zu ersetzen. Dies wäre ein Unsinn, denn dieser Niedrige würde ja sofort mächtig sein und müsste ebenfalls dann gestürzt werden. Wenn der Vers sagen würde, er stürzt die Mächtigen vom Thron und macht alle gleich, dann hätte es einen schlechten Sinn, wäre aber doch sinnvoll.

    Aber diese Art von Riesenrad von der Erhöhung der Niedrigen und dem Sturz der Mächtigen, um dann die mächtig gewordenen Niedrigen wiederum zu stürzen, macht keinen Sinn. So darf das nicht verstanden werden.

    Wer ist dann der Mächtige und wer der Niedrige? Der Niedrige oder Demütige ist der, der sich so verhält wie Maria in diesem Lobgesang: Er erkennt Gott alles zu, sieht Gott als den Ursprung alles Guten, die Quelle aller Macht, ohne dem wir in der übernatürlichen aber auch in der natürlichen Ordnung nichts vermögen. Er ist die Mitte aller Dinge und der Herr, der über alles gebietet.

    Niedrig waren zum Beispiel die Mächtigen, von denen Maria abstammte und dadurch auch Jesus abstammte. David war ein mächtiger König, der in seiner Machtausübung starb. Er war aber demütig (niedrig), weil er ein Diener Gottes war und alles das einsah.

    Die Mächtigen, von denen im Lobgesang der Muttergottes die Rede ist, sind diejenigen, die das nicht einsehen, die meinen ihre Macht ohne den Beistand Gottes ausüben zu können.

    Deshalb stürzt Gott die Mächtigen und erhebt die Niedrigen. Dies ist ein Ausdruck der Größe Gottes, der über jede menschliche Macht lacht und spottet. (vgl. Ps 2,4)

    Er überträgt Macht dem Demütigen und dieser wird mächtig; er nimmt die Macht des Hochmütigen, der nur sich selbst vertraut, und er wird zu Nichts.

    Es ist die Größe Gottes, neben der menschliche Größen nichts sind.

    Nächster Vers:

    „Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“

    Die Hungernden, die Armen im Geiste, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, diese beschenkt er reichlich mit Gaben. Die, die nicht nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, die den irdischen Gütern behaftet sind, lässt er leer ausgehen. Das heißt, die Reichen sind nichts für ihn. Gott macht aus Reiche Arme und aus Arme Reiche wie es ihm beliebt.

    Im nächsten Vers vernehmen wir einen weiteren Ausdruck von Gottes Größe: Den Schutz, den er dem auserwählten Volk verleiht.

    „Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“

    Das heißt, auch in dem, was Gott verspricht, ist er großzügig: Er erhält seinen Bund bis ans Ende.

    Wir stellten also fest, wie dieser Lobgesang eine These beinhaltet, die bis zum Schluss begründet wird und wie ausgeglichen die Größe und Barmherzigkeit Gottes besungen werden. Die Größe Gottes in seiner Barmherzigkeit; die Größe Gottes in seiner Gerechtigkeit; die Leere aller Menschen im Angesicht Gottes; die Herrschaft Gottes über das ganze Universum. Es ist eine Triumphhymne an die Größe Gottes.

    Als Elisabeth Maria begrüßte und sie als gesegnet unter allen Frauen und Mutter des Herrn preiste, zeigte sie, dass sie sich als ein Nichts vor der unendlichen Größe Gottes betrachtete. Sie gab dies auf hervorragende Weise in dem Lobgesang zum Ausdruck, mit einer Ausgeglichenheit der Gefühle, in einem rationellen Aufbau der Begründungen ihres Lobpreises, dass man ihn mit dem Argumentenaufbau der Summa Theologica des Thomas von Aquin vergleichen kann.

      Diesen Lobgesang dichtete sie unter Eingebung des Heiligen Geistes, als sie von Elisabeth gegrüßt wurde. Doch in ihren wenigen Äußerungen, die im Evangelium registriert sind, ist die rationale, logische Eigenschaft ebenfalls sichtbar. Als ihr, zum Beispiel, durch den Engel mitgeteilt wurde, dass sie die Mutter des Erlösers sein würde, antwortete sie mit einem reinen rationalen Einwand: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Sie hatte ja das Jungfräulichkeitsgelübde abgelegt. Als der Engel ihr erklärte, wie es geschehen sollte, antwortet sie fast wie in einem Syllogismus: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort“.

      Ihre Antwort ist ein Folgesatz: Sie erwähnt ein Prinzip und die entsprechende Folgerung.

      Ebenso als sie den Knaben Jesus im Tempel wiederfindet: Ihre voll Kummer und Angst gestellte Frage, erfordert wiederum eine Erklärung: „Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht.“

      Hier verstehen wir, dass der katholische Geist rational sein muss, voller Vernunft, Denkvermögen und Dichte in allem, was er tut und sagt.



      Die Muttergottes, Sitz der Weisheit, steht für uns als Vorbild der Zweckmäßigkeit, der Erwägung und der Mäßigung im Denken und Sagen. Wenn wir das Magnifikat analysieren, werden wir sehen, dass es kein überflüssiges Wort enthält, kein Gedanke, der nicht am richtigen Ort wäre. Es ist ein vollendetes Kleinod, an dem jeder Stein seinen eigene Schliff hat, um insgesamt ein prachtvolles Bild zu geben.

  Hier haben wir ein Bild vom Geist Mariens, der viel erhabener ist, als die läppische Gefühlsduselei und leere Begeisterung einer sentimentalen Frömmigkeit. Es ist etwas, was aus der Vernunft entspringt und nicht aus dem Eifer der Gefühle oder einer unüberlegten Spontaneität.



      So verstehen wir auf beschreibender Art, dass, was wir auf anderer Weise über die Muttergottes wissen: Sie ist der Sitz der Weisheit. Wir verstehen nun auch, was es heißt, den Geist Mariens zu besitzen und ihr Diener oder Sklave (wie es der hl. Ludwig von Montfort bezeichnet) zu sein. Es bedeutet, sich bemühen diese Weisheit, diese Ausgewogenheit,  zu besitzen, bei der die Vernunft vom Glauben beherrscht und geleitet wird und die Gefühle im Dienste der Vernunft stehen. So dass die Gefühle schwingen, wenn es die Vernunft zulässt und ihr Schwingen einstellen, wenn die Vernunft es so befiehlt. Und wenn die Gefühle nicht mit der Vernunft zum Schwingen kommen, so ist es die Vernunft die obsiegt und nicht die Gefühle. Dies sind geistige Regeln für die Nachfolge Mariens aus ihrem geistigen Hauptwerk, dem Magnifikat.

      An einem anderen Punkt möchte ich noch erinnern: Als Maria Elisabeth begrüßte und das Kind (Johannes) ihre Stimme hörte, hüpfte es in ihrem Leib vor Freude.

      Welche Freude empfinden wir, wenn wir die Stimme Mariens in unserem Herzen hören?

      Bitten wir der Muttergottes, dass sie neben den Prüfungen, die sie uns schickt, uns an diesem Feste außer den Gnaden, die sie uns schenken möge, uns auch Worte vernehmen lasse, die unser Herz mit Freude erfüllen und uns ermutigen alle Kreuze zu tragen, die uns auferlegt werden, um aufrichtig für sie bis ans Lebensende zu leiden.


Dieser Text ist übernommen aus einem informellen Vortrag von Professor Plinio Corrêa de Oliveira, den er am 2. Juli 1963 hielt. Er wurde übersetzt und angepasst für die Veröffentlichung ohne seine Überarbeitung.